Zeitschriftenbesprechung: Tango - Eine Art Sehnsucht
("du - Die Zeitschrift der Kultur", November 1997)

Bezugsquelle: TA-Media AG, Zürich, Tel: +41-1-4046247, Fax: +41-1-4046249.

Besprochen von Ernst "Ernesto" Buchberger (ernst@ai.univie.ac.at)

"Tango - Eine Art Sehnsucht" ist der Titel des Novemberhefts 1997 von "du - Die Zeitschrift der Kultur". "du" erscheint monatlich und widmet sich jeweils einem aktuellen kulturellen Thema. Das Novemberheft beschäftigt sich mit der Renaissance des argentinischen Tango.

Vorweg: es ist ein schönes Themenheft, professionell gestaltet, mit zahlreichen erstklassigen Farb- und Schwarzweißbildern. Auf rund 70 Seiten kann man zwar nicht die ewige Wahrheit über den Tango enthüllen, aber man kann einen recht guten Eindruck vermitteln. Behandelt wird in 11 Artikeln die Tangoszene in Buenos Aires, der Schweiz, Berlin, Paris und Japan, sowie das Tanztheater von Pina Bausch. Die Geschichte des Bandoneon, sowie eine Art Glossar, "Vollständig unvollständiges Alphabet des Tango", runden das Thema ab.

Die Beiträge sind gut gewählt: Buenos Aires ist klarerweise ein Muß, der Artikel über die Schweiz wird nicht nur Lokalpatrioten erfreuen: die Interviews mit verschiedensten Vertretern der Schweizer Szene vermitteln einen schönen Eindruck von der Vielfalt des Tango. Berlin ist sicher anerkanntermaßen eines der Zentren des europäischen Tango, und Japan zählt - für die Uneingeweihten verblüffend - zu den großen Tangonationen. Was ich ein bißchen vermißt habe, ist einerseits der gesamteuropäische Aspekt, andererseits die Rezeption des Tango in Nordamerika. Andererseits mußte natürlich eine Auswahl getroffen werden, und die Zeitschrift richtet sich wohl primär an ein europäisches Publikum. Was mir an der Zeitschrift gefällt ist, daß sie ein Kaleidoskop des (heutigen) Tango bietet, ein Mosaik von Eindrücken. Ich könnte mir vorstellen, daß sie Neugierde weckt, sich näher mit dem Tango zu beschäftigen.

Die Meinung der Autoren wird nicht in allen Punkten uneingeschränkte Zustimmung finden: als Wiener fühlt man sich natürlich geschmeichelt, wenn Markus Jakob schreibt, Buenos Aires sei ein bisserl wie Wien. Aber zu sagen, der Walzer sei fast wie der Tango... nein, also, obwohl (oder weil?) ich Wiener bin, muß ich doch sagen: beides probiert - kein Vergleich! Und auch wenn Stefanie Flamms Beobachtungen über den Tango als postmodernen Tanz noch so scharfsinnig sein mögen - an einigen Punkten regt sich der Widerspruchsgeist, etwa wenn sie glaubt, daß "eine große Faszination darin liegt, die Schrittfolgen genau einzuhalten, seine kompliziertesten Formen zu studieren". Wer Dinzel gelesen hat, weiß, daß gerade beim Tango nicht die Form das Bestimmende ist (R.Dinzel, El Tango - Una Danza, Bs.As., 1994, S.13ff). Aber das sind Details, die dem Heft keinen Abbruch tun, im Gegenteil: sie werden dazu beitragen, daß die Diskussion über den Tango weitergeht. Der Tango ist ein Dialog. Immer gewesen. Auch wenn er im Idealfall ganz ohne Worte auskommt...

Zusammenfassend: der Kenner wird einiges Interessante in diesem Heft entdecken und sei es ein Anstoß zur Diskussion, besonders aber wird es dem, der sich der Präsenz des Tango in der postmodernen Zeit (um mit Stefanie Flamm zu sprechen) noch nicht richtig bewußt geworden ist, einen Einblick in diese fremde (?!) Welt geben, die doch so fremd nicht ist, da sie eine allen Menschen gemeinsame Wahrheit zum Ausdruck bringt. Vielleicht sollte man das Heft auch als Geschenk empfehlen, denjenigen von uns, die seit langem versuchen, ihren nicht Tango-infizierten Freunden etwas von dieser anderen Wirklichkeit zu vermitteln.

Ich glaube, daß das Heft sein Geld (DM 20,--) wert ist. Ich wäre fast geneigt zu sagen, daß man es um dieses Geld allein schon der schönen Bilder wegen kaufen könnte.

Ernesto

P.S.: Ich danke Petra Baumann vom TA-Media Verlag für die Zurverfügungstellung des Rezensionsexemplars.

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Ernst Buchberger